Mein Schluckspecht
Viele Jahre hing dieses Bild an meiner Wand und hat dort ein ziemlich bequemes Leben geführt. Hin und wieder stand jemand davor, bekam leuchtende Augen und sagte: „Das muss ich haben!“ Und dann? Kalte Füße, Ausreden, Funkstille. Der Schluckspecht hat es mit Fassung getragen. Er kennt Abschiede, die nicht stattfinden.
Nun ist es tatsächlich so weit: Er tritt seine Reise an, erst einmal Richtung Norddeutschland. Ob das sein letzter Weg ist, wird sich zeigen. Ein Schluckspecht weiß ja morgens selten, wo er abends landet.
Einerseits freue ich mich riesig, wieder ein Bild verkauft zu haben. Das ist für einen Maler ungefähr so, als würde ein Kind ausziehen und sogar Miete zahlen. Andererseits heule ich ein bisschen, denn ich mag ihn wirklich sehr. Und meine Familie wird ihn ebenfalls vermissen. Wir hatten uns an seinen Blick gewöhnt, diese Mischung aus Reue und „War doch ein schöner Abend“.
Den neuen Besitzern wünsche ich viel Freude mit ihm. Und allen anderen sei gesagt: Jeder, der schon einmal morgens in einem fremden Bett aufgewacht ist, weiß genau, wovon dieser Schluckspecht spricht.